: “Robin Hood”: Manchmal ist zu viel zu viel
Ridley Scotts “Robin Hood” ist ein richtig guter Film. Er hat mir eigentlich sehr gefallen: Gute Schaupspieler, super Kostüme, eine dichte Atmosphäre, eine gute Story, frisch erzählt. Aber nach der Hälfte des Films ist irgend jemand beim Drehbuchschreiben durchgedreht.
Vorsicht: Um mich richtig aufzuregen, hagelt es hier Spoiler.
Was braucht man alles, um ein episches Meisterwerk zu erschaffen? Hmm, ein guter Anfang wäre eine Liebesgeschichte, eine große heldenhafte Schlacht, einen bösen Schurken, ein Kindheitstrauma, vielleicht noch die Forderung von Freiheit und Gerechtigkeit für alle, und Frauen mit Waffen. Die Aufstellung klingt bescheuert?
Der Reihe nach: Die Liebesgeschichte besteht aus ein bisschen unverfänglichen Hin und Her, dann steigt Robin Longstride aka Robert Loxley auf sein Pferd, während Maid Marian ihm den Steigbügel hält. Sie schaut hoch, er schaut runter und sagt “ich liebe dich”, dann reitet er in den Sonnenuntergang. So viel Romantik erwartet man normalerweise in einem Film mit Jean Claude van Damme.
Die große heldenhafte Schlacht? Die Autoren haben sich wohl gedacht, dass keine Schlacht heldenhafter war als die Landung der Alliierten im zweiten Weltkrieg in der Normandie. Deswegen rudern in “Robin Hood” die Franzosen in Landungsbooten, die den amerikanischen Landungsbooten verblüffend ähnlich sehen, mal kurz über den Kanal, um mal gepflegt in England zu landen. Statt deutschem MG-Feuer gab es dann zwar nur englischen Pfeil-Hagel, aber die Szenen waren ansonsten direkt aus dem Film “Der Soldat James Ryan” kopiert.
Die Anflüge von Humor waren unfreiwillig: Das Maid Marian mit ihrer persönlichen Ritterrüstung auf das Schlachtfeld reitet mag man verzeihen - wobei die Frage gestattet sein darf, wo in ihrem Schrank diese Ritterrüstung lag. Dass das mitgeführte Schwert augenscheinlich zu schwer für sie ist, so dass schon der zweite Schlag recht kraftlos einem armen Tropf auf den Helm fällt (der tödlich getroffen zusammenbricht)… geschenkt. Aber das sie in Begleitung einer Horde Kinder auf Zwergponys in die Schlacht zieht ist ein bisschen zu viel unfreiwillige Komik. Und in “Der Herr der Ringe” sah die Szene auch besser aus.
Der Oberbösewicht ist bis zur Mitte des Films ein feiner Schurke. Aber ab da fängt der auf einmal mit solchen Blödsinn an wie Kinder und Frauen in Scheunen zu stecken und diese (praktischerweise auf Stelzen stehende Konstruktion) von unten anzuzünden. Mal davon abgesehen, dass die Motive dafür eher undurchsichtig sind, die obligatorische Rettung der armen Dorfbewohner in letzter Sekunde ist so vorhersehbar wie undramatisch.
Das Robin auch noch über ein Kindheitstrauma verfügt, gehört wohl zum Standardrepertoire eines modernen Helden: Robins Vater war vor seinen Augen enthauptet worden. Denn sein Vater war nicht nur Steinmetz, sondern auch ein großer Philosoph und Freidenker, der die Grundrechte nach England bringen wollte. Die Enthauptung hatte Robin zum Glück vergessen - als Zuschauer hätte man sich diesen albernen Ausflug auch gerne erspart, zumal das Ganze darin gipfelt, dass Robin sofort die Ideen seines Vaters umsetzen möchte. Warum weiß er selber nicht genau, in “Braveheart” hat man die Motive und Forderungen der Aufständischen schon eher verstanden.
Kurz zusammengefasst noch das Ende der Schlacht: Marian und der Oberbösewicht kämpfen im Wasser, sie geht unter und ertrinkt fast. Robin rettet sie, lässt sie aber erstmal so halb im Wasser liegen, um selber mit dem Schurken zu kämpfen. Der flieht dann, und während Marian in ihrer Rüstung immer noch mit dem Kopf unter Wasser treibt, nimmt Robin sich noch genüsslich Zeit, um den fliehenden Kontrahenten auf gefühlte 300 Meter einen Pfeil in den Hals zu schießen. Dann erst hat Robin Zeit, seine große Liebe aus dem Wasser zu bergen - eine beachtliche Wahl der Prioritäten. Zum Glück ist sie noch am Leben und auch schon ganz munter, trotzdem lässt Robin es sich nicht nehmen, sie dann minutenlang leicht verwirrt auf den Armen durchs Wasser zu tragen - unter dem Jubel aller umstehenden. Als Sanitäter wäre er wohl durchgefallen.
Nach 140 Minuten Film stellt man fest: Manchmal wäre weniger mehr, und außerdem tut einem der Hintern weh. In diesem Sinne mein Fazit: Der Film ist nicht schlecht - aber besteht in vielen Bereichen nur aus (teilweise schlecht) zusammenkopierten Ideen anderer Filme. Und in vielen Storyteilen fehlt einfach die Glaubwürdigkeit. Leider ist Glaubwürdigkeit aber eines der Grundprinzipien für eine gute Geschichte.
Alles in allem hat für mich der Film keine guten Argumente, um €8,- fürs Kino zu rechtfertigen.